Trommelwirbel Ausgabe 37
Leseprobe

"Herzlichen Glückwunsch, Sie haben Ihre Prüfung bestanden und sind somit ausgelernte Hotelfachleute. Alles Gute!” Mit diesen Worten wurden wir, eine Gruppe aus insgesamt vier Prüflingen, nach unserer praktischen Prüfung am 24.06.2024 in Empfang genommen. Mit feuchten Augen nahm ich meine Bescheinigung über die bestandene Abschlussprüfung entgegen.
Ich habe es tatsächlich geschafft! Die letzten drei Jahre voller Höhen und Tiefen haben sich gelohnt!
Zu Beginn möchte ich euch gerne über meine Prüfung erzählen, welche aus insgesamt drei Teilen bestand. Der erste Teil war der schriftliche, welcher bereits Ende April 2024 stattfand. Dort musste ich Multiple-Choice-Aufgaben lösen. Der zweite Teil fand Anfang Juni 2024 statt und nannte sich “Komplexe Aufgabe”. Hier mussten wir für eine virtuelle Reisegruppe ein Reiseprogramm für ein Wochenende schreiben.
Der letzte Prüfungsteil war der praktische Teil. Hierfür musste ich mir zur Vorbereitung für jede Jahreszeit ein Menü ausdenken und auswendig lernen.
Am Tag der Prüfung haben wir dann gesagt bekommen, für welche Jahreszeit wir ein Menü schreiben und eindecken müssen. Die Prüfer waren sehr nett, weshalb meine Aufregung etwas zurückgegangen ist. Sie haben mir alle möglichen Fragen zu meinem Menü und meinen angebotenen Weinen gestellt. Danach musste ich so tun, als sei ich Empfangskraft, die eine telefonische Reservierung für einen Gast vornahm.
Ich habe die Ausbildung mit einem lachenden und einem weinenden Auge beendet.
Das lachende Auge steht hier dafür, dass sich das monatelange Vorbereiten auf die Prüfung ausgezahlt hat und dass ich nicht mehr zur Berufsschule muss. An sich war der Unterricht meistens interessant und meine Lehrerinnen und Lehrer waren alle sehr nett. Das Problem war hier meine Berufsschulklasse. Sie hatten einen respektlosen Umgang den Lehrern gegenüber und auch mir gegenüber waren sie nicht sonderlich sozial.
Wir haben einfach nicht zusammengepasst und ich habe mich nicht dazugehörig, sondern meistens ausgeschlossen gefühlt.
In dieser Zeit war ich umso dankbarer, meinen Chor zu haben. Er war in dieser Zeit eine Art “Therapie” für mich, da ich beim Singen meine Gedanken auf etwas anderes lenken konnte. Zudem haben mir Gespräche mit meiner Familie, Freunden und damaligen Arbeitskollegen geholfen, wofür ich sehr dankbar bin.
Aber keine Sorge, die Ausbildung hat mir überwiegend gut gefallen!
Denn das weinende Auge steht hier nämlich dafür, dass ich leider nicht in meinem Ausbildungsbetrieb bleiben konnte, da alle Stellen besetzt waren. Das fand ich sehr schade, da ich sehr tolle Kollegen hatte. Natürlich gab es auch blöde Situationen, wie zum Beispiel Tage, an denen wir stark unterbesetzt waren und dadurch mehr zu tun hatten.
Was ich schön an dem Hotel fand, war, dass es ein Inklusionsbetrieb ist. Teamwork stand hier immer an erster Stelle. Wir hatten einen lockeren Umgang. Auch mein Ausbilder war sehr nett. Er hat mich bei der Vorbereitung auf meine Prüfung sehr unterstützt.
Wie gesagt, ich konnte nicht im Hotel bleiben. Also hieß es für mich - neben dem Gebärdenkurs und einem Urlaub am Timmendorfer Strand - Bewerbungen schreiben. Am Anfang war ich noch motiviert. Es war interessant, sich durch die Stellenangebote zu klicken und zu sehen, wer wen wo sucht. Zu der Zeit war ja der Personalmangel ein großes Problem, weshalb ich noch zuversichtlicher war, etwas zu finden.
Da wusste ich allerdings noch nicht, wie nervtötend die Arbeitssuche werden würde. Viele Betriebe haben sich leider nie zurückgemeldet. Wenn ich dort angerufen habe, wurde zum Teil sehr unfreundlich reagiert. Auch wenn ich zum Probearbeiten eingeladen wurde, folgte darauf immer eine Absage. Das war sehr frustrierend.
Eine der letzten Bewerbungen schrieb ich an eine psychiatrische Einrichtung in einer unserer Nachbarstädte. Sie suchten dort eine Küchenkraft.
Auf diese Bewerbung erhielt ich eine Absage, die mir gleichzeitig Hoffnung schenkte. Die Dame, die mir die Absage erteilte, sagte mir, dass es eine inklusive Bäckerei gibt, und hat mich zum Probearbeiten eingeladen. Auch hier habe ich wieder eine Absage erhalten. Glücklicherweise war diese aber auch meine letzte!
Denn die Dame, die mir absagte, erzählte mir, dass es neben der inklusiven Bäckerei auch noch zwei inklusive Cafés gibt und dass in einem der beiden ein Platz frei werden würde.
Wenige Wochen später ging das Probearbeiten in einem der Cafés los. Ich war sehr aufgeregt, aber das hat sich schnell geändert, weil mich das Team dort sehr freundlich empfangen hat.
Wenige Tage später erhielt ich die erlösende Nachricht. Das Team des Cafés war mit mir sehr zufrieden und würde mich gerne einstellen.
An einem typischen Arbeitstag bediene ich die Gäste mit Kaffee und Kuchen, bin an der Kasse, fülle Regale auf oder reinige die Tische. Wir haben eine kleine Kioskecke, wo man unter anderem Süßigkeiten und Zigaretten kaufen kann.
Das Schöne finde ich, dass man jeden Tag unterschiedliche Menschen zu Gast hat. Patienten aus der benachbarten Klinik oder auch Radfahrer, die bei uns eine Kaffeepause machen möchten.
Da gab es nur noch ein Problem: meinen persönlichen Gegner, die Probezeit. In meiner ersten Ausbildung wurde mir ja wegen meines Handicaps in der Probezeit gekündigt. Auch wenn diese schlechte Erfahrung jetzt fünf Jahre zurückliegt, nagt sie noch sehr an mir. Aber zum Glück gehen meine Kollegen sehr gut mit meiner verunsicherten Art um. Sie meinten beispielsweise einmal, dass man zum Beispiel klauen müsste, um rausgeworfen zu werden. Dieser Satz hat mir gut weitergeholfen. Trotzdem war ich heilfroh, als ich es zum Ende der Probezeit nochmal schwarz auf weiß bekommen habe, dass ich bleiben darf. Ihr wisst gar nicht, wie erleichternd das für mich war. Ich bin jetzt in einem tollen Team, wo jeder jeden so akzeptiert, wie er ist, und man mit offenen Armen empfangen wird. Dafür bin ich so dankbar. Die Suche hat sich gelohnt. Endlich habe ich meinen Platz in der Arbeitswelt gefunden. Meinen Platz, von dem ich nicht mehr weg möchte.
Hier begegnet man sich auf Augenhöhe, was für ein angenehmes Arbeitsklima sorgt.
Auch wenn an manchen Tagen mehr los ist als an anderen, kann man sich sicher sein, dass man im Team aufeinander zählen kann. Zwar können wir nicht alle zusammen Mittagspause machen, aber dafür kann man zwischendurch mal ein bisschen quatschen, was ich echt schön finde.
Im April 2025 ist unser Café ein Jahr alt geworden, weshalb wir gemeinsam Pizza gegessen haben. Das war ein sehr schöner Abend.
DANKE an meine tollen Kolleginnen und Kollegen, dass ihr mich so herzlich in euer Team aufgenommen habt. Das bedeutet mir wirklich viel!
Ich bin echt dankbar dafür, dass ihr von Anfang an so offen und verständnisvoll mit mir umgeht.
Wenn mich heute jemand fragen würde, ob ich zurück in meinen alten Ausbildungsbetrieb möchte, würde ich nein sagen. Ich fühle mich an meinem neuen Arbeitsplatz richtig wohl und ich gehe jeden Tag sehr gerne dorthin.
Wenn euch jemand Steine in den Weg legt, lauft einfach weiter. Das ist manchmal leichter gesagt als getan, aber es lohnt sich.
Unser Weg ist stellenweise vielleicht “holpriger” und ”steiniger” als der Weg von anderen Menschen, aber irgendwann werdet ihr am Ziel ankommen. In einem Lied von einem meiner Lieblingssänger heißt es: ”Man sagt zwar, die Hoffnung stirbt zuletzt, das heißt aber auch, sie stirbt nicht jetzt.” Diese Zeile - finde ich - passt gut, wenn man zeigen will, dass man niemals aufgeben darf. Irgendwann trefft ihr auf die richtigen Menschen, die sich auf euch einlassen, euch offen begegnen und Vertrauen schenken.
Carolin Göttker (CHARGE-Syndrom)








